Wie das Handy Beschwerden einer Reizblase lindert
Prof. Dr. Wiedemann Ideengeber für medizinische App
Wer unter einer Reizblase leidet, kennt das: Plötzlicher, starker Harndrang, manchmal mit ungewolltem Urinverlust, dazu sehr häufiges Wasserlassen. Wie ein Handy helfen kann, die Beschwerden einer überaktiven Blase zu lindern, erklärt Prof. Dr. Andreas Wiedemann. Der Chefarzt der Klinik für Urologie im Evangelischen Krankenhaus Witten, das Teil des EVA Ruhr ist, war Ideengeber für „Inka“. Das ist eine medizinische App, die wie ein Medikament auf Rezept vom Arzt verordnet werden kann. Betroffene protokollieren mit dieser digitalen Gesundheitsanwendung ihr Trink- und Toilettenverhalten, trainieren ihre Blase und ihren Beckenboden und haben ihre Fortschritte im Blick. „Die Wirksamkeit der App ist wissenschaftlich erwiesen“, weiß Prof. Dr. Wiedemann, der Inka vier Jahre lang als Studienleiter mitentwickelt hat.
Der EvK-Chefarzt, der von der Universität Witten-Herdecke 2018 auf die erste Professur für Uro-Geriatrie berufen wurde, hat zusammen mit seinem Studien-Team die Wirksamkeit mit 300 Patientinnen und Patienten untersucht: Eine Hälfte nutzte die App, die andere dokumentierte ihr Wasserlassen in einem Internetportal. Das Ergebnis: „Mit der App werden die Beschwerden besser – das ist statistisch abgesichert“, sagt Prof. Dr. Wiedemann.
Inka soll helfen, die Anzahl der Toilettengänge zu verringern, mit überfallsartigem Harndrang besser umgehen zu können, Trinkverhalten aktiv zu reflektieren und sinnvoll anzupassen, Becken und Blase zur Reduzierung von Urinverlust zu trainieren und damit Lebensqualität zurückzugewinnen. Dazu bietet sie Nutzerinnen und Nutzern eine zwölf Wochen lange, individualisierte Therapie: Die App analysiert die eingegebenen Daten, dokumentiert Therapiefortschritte und -erfolge und gibt damit wichtige Einblicke in Verhaltensweisen und deren Wechselwirkungen mit Beschwerden. Außerdem stellt Inka ein auf die Bedürfnisse zugeschnittenes und medizinisch erprobtes Beckenboden-Trainingsprogramm bereit – mit Text- und Videoanleitungen. Und: Bei akutem Harndrang bietet die digitale Gesundheitsanwendung Harndrangablenkungsmethoden – zum Beispiel kognitive Übungen und gezielte Muskelanspannungstechniken.
Prof. Dr. Andreas Wiedemann, der auch Präsident der Deutschen Kontinenzgesellschaft ist, freut sich, mit dieser digitalen Gesundheitsanwendung für Betroffene eine nebenwirkungsfreie Therapiemöglichkeit geschaffen zu haben. Die App sei sicher nicht für jeden geeignet. Wer beispielsweise nicht mit dem Smartphone umgehen könne, werde kaum von der digitalen Gesundheitsanwendung profitieren. Die Erfahrung habe allerdings gezeigt, dass das heutzutage nur noch auf eine Minderheit zutrifft: „Unter den Studienpatienten, die wir betreut haben, war auch eine 80-Jährige, die perfekt mit dem Handy umgehen konnte“, sagt Prof. Dr. Andreas Wiedemann. Als persönliches Therapieprogramm sei die App für den Großteil der Patienten ein Segen, viele bemerkten schon nach drei Monaten eine deutliche Besserung, berichtet der Chef-Urologe des EvK Witten.
Weitere Informationen zum Thema „Harninkontinenz: Das Tabu, über das keiner spricht“ gibt es auch im EVA Ruhr Gesundheitspodcast.
