Was eine gute Beratung bei Inkontinenz ausmacht

Tropfen Wasser

12. Januar 2021

Prof. Dr. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Klinik für Urologie am EvK Witten, hat zusammen mit einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe einen Leitfaden entwickelt, wie eine Hilfsmittelberatung ablaufen sollte.

Inkontinenz ist ein Tabuthema. Dabei sind 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen in Deutschland davon betroffen. Ihre Angst, es nicht rechtzeitig zur Toilette zu schaffen, können richtige Hilfsmittel lindern. Doch genau hier hakt es oft. Prof. Dr. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Klinik für Urologie am Evangelischen Krankenhaus Witten, hat deshalb im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Urologie zusammen mit einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe einen Leitfaden entwickelt, wie eine Hilfsmittelberatung im Idealfall ablaufen sollte, um Betroffenen bestmöglich zu helfen.

Anlass war das ernüchternde Ergebnis einer Untersuchung von Stiftung Warentest, die 2017 die Beratungsleistung von 20 Anbietern getestet hatte, die Patienten mit aufsaugenden Inkontinenzprodukten versorgen. Das damalige Fazit der Tester: Es bestehe dringender Optimierungsbedarf. Andreas Wiedemann und seine Kollegen haben den Beratungsprozess rund um die Hilfsmittelversorgung geprüft und schließlich strukturiert, vereinheitlicht und verbessert. Die Ergebnisse nach 18-monatiger wissenschaftlicher Arbeit haben sie nun in einer Leitlinie zur Hilfsmittelberatung bei Harninkontinenz zusammengefasst.

Unerlässlich für eine sinnvolle Hilfsmittelversorgung ist es, den Grad und die Form der Inkontinenz zu kennen. „Manche Betroffene verlieren schwallartig Urin, andere kontinuierlich einige Tropfen über den Tag verteilt, wieder andere nur bei körperlicher Anstrengung – entsprechend unterschiedliche Einlagen sind nötig“, sagt Prof. Dr. Andreas Wiedemann. Ein Kurzfragebogen, den Betroffene bei der Beratung ausfüllen, kann hier schnell Aufschluss geben.

Eine gute Hilfsmittelberatung kann bis zu einer Stunde dauern und sollte in einem separaten Raum ohne Publikumsverkehr stattfinden, schließlich geht es bei einer Inkontinenz um sensible und intime Themen. Neben der Inkontinenz sollten bei der Beratung auch die Vorgeschichte, Begleiterkrankungen, Medikamente und die Mobilität des Patienten in den Blick genommen werden. Zudem sollten auch die Kosten und mögliche Zuzahlungen offen kommuniziert werden, denn oft decken die Verträge der Krankenkassen nur ein einfaches Standardprodukt ab. Ein häufiger Kritikpunkt bei der Versorgung mit Inkontinenz-Hilfsmitteln.

Betroffene sollten sich bei der Beratung nicht mit dem erstbesten Produkt zufriedengeben, sondern gezielt nach Mustern zum Testen fragen, um eine kostspielige Fehlversorgung zu verhindern. „Im Idealfall erhalten Betroffene gleichzeitig mindestens zwei erstattungsfähige und zwei zuzahlungspflichtige Hilfsmittelalternativen in einer Menge, die einem Tagesbedarf für jeweils zwei bis drei Tage entspricht“, so der EvK-Chefarzt der Klinik für Urologie. Seine Erfahrungen vom Tragekomfort über die Handhabung bis zum Hautzustand hält der Patient dann am besten in einem Bewertungsbogen fest, der Teil eines empfohlenen Laufbogens ist. Dieser Laufbogen wird vom behandelnden Arzt angelegt, dem Patienten mit dem Hilfsmittelrezept ausgehändigt, von Beratenden fortgeführt und nach Ende des Beratungsprozesses wieder dem verordnenden Arzt zurückgegeben. Er ermöglicht die Kommunikation aller Beteiligten untereinander. „So gehen keine für die Hilfsmittelberatung wichtige Informationen verloren“, sagt Andreas Wiedemann.

Doch Einlagen sollten keine Dauerlösung sein: „Inkontinenz ist eine heilbare Erkrankung. Einlagen können am Anfang einer Therapie eine Ergänzung sein. Ziel sollte aber sein, langfristig keine Einlagen mehr zu benötigen“, so Deutschlands erster und einziger Professor für Uro-Geriatrie.

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